Kinetische Energie und Trägheitstensor

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Betrachten wir eine infinitesimale Verrückung

dr¯=dr¯S+dx¯=dr¯S+dϕ¯×x¯dϕ¯:=n¯dϕ


In Kapitel 3.3 haben wir bereits mit infinitesimalen Drehungen gearbeitet. Dort handelte es sich um passive Drehungen. Hier haben wir es nun mit aktiven Drehungen zu tun → anderes Vorzeichen.


V¯:=dr¯sdt Schwerpunktsgeschwindigkeit


ω¯:=dϕ¯dt Winkelgeschwindigkeit

Damit ergibt sich die Geschwindigkeit eines beliebigen Aufpunktes des starren Körpers:


v¯=V¯+ω¯×x¯


Nebenbemerkungen:


ω¯ hängt von der Wahl von S ab.

Falls S der Schwerpunkt ist, so gilt:


∑i=1nmix¯(i)=0
nach Def. A) des starren Körpers


∫d3xx¯ρ(x¯)=0
Definition B) → Schwerpunktsvektor im körperfesten System
K¯

Kinetische Energie:

  1. 12∑i=1nmiv(i)2=12∑i=1nmi(V+ω×x(i))2=12∑i=1nmiV2+V⋅∑i=1nmi(ω×x(i))+12∑i=1nmi(ω×x(i))2

Mit den Beziehungen

∑i=1nmi=MV¯⋅∑i=1nmi(ω¯×x¯(i))=(V¯×ω¯)∑i=1nmix¯(i)=0,da∑i=1nmix¯(i)=0(ω¯×x¯(i))2=ω2x2sin2α=ω2x2(1−cos2α)=ω2x2−(ω¯⋅x¯)2=∑m=13∑n=13ωm[x2δmn−xmxn]ωn

Somit folgt:

T=12∑i=1nmiv(i)2=12MV2+12∑m=13∑n=13ωmJmnωn

mit dem Trägheitstensor


Jmn:=∑i=1nmi[x(i)2δmn−xm(i)xn(i)]


Der Trägheitstensor ist also durch die Massenverteilung bestimmt

Im Sinne der Definition B) dagegen gilt:


T=12∫d3xρ(x¯)(V¯+ω¯×x¯)2=12∫d3xρ(x¯)V2+(V¯×ω¯)∫d3xρ(x¯)x¯+12∑m=13∑n=13ωmJmnωnmit∫d3xρ(x¯)x¯=0


und dem Trägheitstensor


Jmn=∫d3xρ(x¯)[x2δmn−xmxn]


Also gilt die Zerlegung der kinetischen Energie:


T=12∫d3xρ(x¯)(V¯+ω¯×x¯)2=12∫d3xρ(x¯)V2+12∑m=13∑n=13ωmJmnωn


T=12MV2+12ω¯J¯¯ω¯


Dabei ist


Ttrans=12MV2

kinetische Energie der translatorischen Bewegung


Trot=12ω¯J¯¯ω¯

kinetische Energie der Rotationsbewegung

Eigenschaften des Trägheitstensors

J¯¯

ist ein Tensor zweiter Stufe. Das heißt unter Drehungen

R∈SO(3)

transformiert er sich wie folgt:

R kennzeichnet dabei die Drehmatrizen im

R3

mit Orthogonalitätseigenschaft:

RRT=1,det⁡R=1


Nun, er transformiert sich unter Drehungen wie folgt:

Wenn

xm→xm ´=∑n=13Rmnxn


Dann:

Jmn→Jmn ´=∑l=13∑s=13RmlRnsJls


Kompakt:


x¯→x¯ ´=Rx¯J¯¯→J¯¯ ´=RJ¯¯RT


Dabei bemerken wir: Matrizen sind einfach Zahlenschemata mit Zeilen und Spalten. Aber erst das Transformationsverhalten definiert einen Tenor (Im Gegensatz zu einer Matrix).

Tensor 1. Stufe:

xm ´=∑n=13Rmnxn

= Vektor

Tensor 2. Stufe

Jmn ´=∑l=13∑s=13RmlRnsJls


Tensor n-ter STufe:

Amn....x ´=∑l,s,...,t=13RmlRns...RxtAls...t
wobei links n Indices stehen und rechts n mal die Drehmatrix angewendet wird (und jeweils von 1-3 summiert!)

Beweis des Transformationsverhaltens für

Jmn:=∑i=1nmi[(∑txt(i)2)δmn−xm(i)xn(i)]


Zunächst zum Skalarprodukt:


xm ´=∑n=13Rmnxn⇒∑txt ´2=∑t∑l∑sRtlRtsxlxs=∑l∑s(∑tRltTRts)xlxs=∑l∑sδlsxlxs=∑lxl2


das Skalarprodukt ist also invariant

Aber auch das Delta- Element ist invariant:


∑l∑sRmlRnsδls=∑lRmlRnl=∑lRmlRlnT=δmn


Kompakt:


R1RT=RRT=1


Also:


Jmn ´=∑l=13∑s=13RmlRnsJls=∑i=1nmi∑l=13∑s=13RmlRns[(∑txt(i)2)δls−xl(i)xs(i)]Jmn ´=∑i=1nmi[(∑txt(i) ´2)δmn−xm(i) ´xn(i) ´]


Der Trägheitstensor J´ in den neuen Koordinaten ist also gleich dem alten, was Transformationsverhalten eines Tensors zweiter Stufe belegt:

Dabei gilt:


(∑txt(i) ´2)δmn

ist der invariante Anteil


xm(i) ´xn(i) ´

hängt von der Wahl des körperfesten koordinatensystems ab.

Weitere Eigenschaften

Jmn

enthält einen kugelsymmetrischen, also rotationsinvarianten Anteil

(∑txt(i)2)δmn
Jmn
ist linear in der Massendichte. Der Trägheitstensor ist also additiv beim Zusammenfügen zweier starrer Körper
Jmn

ist ein reeller, symmetrischer Tensor, dargestellt durch die reelle, symmetrisch Matrix


J¯¯=∫d3xρ(x¯)(x22+x32−x1x2−x1x3−x1x2x32+x12−x2x3−x1x3−x2x3x12+x22)


Der Tensor ist diagonalisierbar durch die orthogonale Transformation

R0∈SO(3):


J¯¯ ´=R0J¯¯R0T=(J1000J2000J3)


Das heißt: Es existiert ein gedrehtes, körperfestes Koordinatensystem (y1,y2,y3) in Richtung der Hauptträgheitsachsen:


J¯¯ ´=∫d3yρ(y¯)(y22+y32000y32+y12000y12+y22)


Also:

Ji≥0

i=1,..,3, Matrix positiv semidefinit.

Die Diagonalisierung führt auf das Eigenwertproblem:


J¯¯w¯̂(i)=Jiw¯̂(i)

mit Eigenvektoren

w¯̂(i)

und Eigenwerten Ji. Ein homogenes, lineares Gleichungssystem

Ziel ist es nun, die Hauptachsenrichtung

w¯̂(i)

so zu suchen, dass

J¯¯

diagonal wird:


⇔det⁡(J¯¯−Ji1)=0


Somit ergeben sich 3 reelle, positiv semidefinite Eigenwerte Ji

Das Trägheitsmoment

Trägheitsmoment bezüglich Achse

n¯:J(n¯):=n¯J¯¯n¯
Diese quadratische Form ist positiv semidefinit.


ω¯=n¯ω⇒T=12ω2J(n¯)


Trägheitsellipsoid

Die Normierung des Trägheitsmomentes liefert eine Ellipsoidgleichung:

n¯J¯¯n¯=1.


Die Lage des Ellipsoids sind ist durch die Eigenvektoren

w¯̂(i),
die Maße folgen aus den Ji derart, dass die zu
w¯̂(i)

gehörige Achse die Länge

1Ji

trägt:

  1. Die Ji heißen Hauptträgheitsmomente (Trägheitsmomente entlang der Eigenvektoren= Hauptachsen)

Es gilt:


J1≠J2≠J3
unsymmetrischer Kreisel


J1=J2≠J3
symmetrischer Kreisel (axialsymmetrisch)


J1=J2=J3

kugelsymmetrischer Kreisel (nicht notwendigerweise Kugelform)

Satz von Steiner

Sei

Jmn
der Trägheitstensor in einem körperfesten System
K¯,
welches im Schwerpunkt S zentriert ist. Sei nun
K¯ ´

ein zu

K¯
achsparalleles, um den Vektor
a¯

verschobenes System. Dann ist

Jmn ´ in K¯ ´
gegeben durch


Jmn ´=Jmn+M[a2δmn−aman]


Die beiden Koordinatensystem dürfen dabei nur durch die Translation um

a¯

unterschiedlich sein. Wesentlich ist vor allem, dass bei roationsvarianten Systemen keine Verdrehung der Achsen erfolgt!

Beweis:


Jmn ´=∫d3x ´ρ ´(x¯ ´)[(∑txt ´2)δmn−xm ´xn ´]


Bei uns:

x¯ ´=x¯+a¯


Jmn ´=∫d3xρ(x¯)[(∑t(xt+at)2)δmn−(xm+am)(xn+an)]Jmn ´=∫d3xρ(x¯)[(∑t[(xt)2+2(atxt)+at2])δmn−xmxn−xman−xnam−aman]∫d3xρ(x¯)∑t(atxt)=∫d3xρ(x¯)(xman+xnam)=0wegen ∫d3xρ(x¯)x¯=0


Somit:


Jmn ´=∫d3xρ(x¯)[(∑t(xt2+at2))δmn−xmxn−aman]Jmn ´=Jmn+∫d3xρ(x¯)[(∑t(at2))δmn−aman]=Jmn+M[a2δmn−aman]


Speziell im Hauptachsensystem:

keine Außerdiagonalelemente: m=n:=i


Ji ´=Ji+M(a2−ai2)i=1,..,3 mit (a2−ai2)

als Quadrat des Abstandes der beiden Drehachsen.

Dabei wird bei einer Verschiebung um

a¯

nur der Abstand der Drehachsen berücksichtigt. das heißt, die Komponente der Verschiebung in Richtung der Drehachse wird wieder quadratisch subtrahiert:


Beispiele

1. Kugelsymmetrische Massendichte:


ρ(x¯)=ρ(r)J1=J2=J3=:J3J=J1+J2+J3=∫d3xρ(r)[(x22+x32)+(x12+x32)+(x12+x22)]=∫d3xρ(r)2r23J=2⋅4π∫0Rdrr4ρ(r)


Bei homogener Massenverteilung:


M=4π3R3

bezüglich Schwerpunkt S

folgt:


J=83π∫0Rdrr4ρ(r)=2MR3∫0Rdrr4J=25MR2


2. Abrollende Kugel: Momentaner Auflagepunkt ist A

Das Trägheitsmoment bezüglich der momentanen Drehachse durch den Auflagepunkt A:


JA=J+MR2=25MR2+MR2=75MR2